Formel 1 - Old & Loud oder Hart wie Stahl

Edelrocker 5er Vinyl in MuR

Im Eisenblatt gab es auch eine Plattenbesprechung der 5er Edition

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fatal underground

Heft Nr. 27 bzw. Heft Nr. 29

Formel I

5er LP Set ´Edelrocker´

Immortal Vinyl Records  

 

Endlich ist es soweit. Meine neue LP Box von Formel I befindet sich nach längerem Warten nun endlich auf dem Plattenteller. Die limitierte Edition (ich habe ´bierfarben´, sieht aber eher wie ´pissgelb´ aus...) im aufwendigen Pappschuber mit Riesenbegleitheft befindet sich endlich in meinen Händen. Den Betrag in Talern, den ich für dieses Stück ´Metal´ Geschichte in Vinylform hingelegt habe, erwähne ich lieber gar nicht erst. Die 2007 erschienene LP Kollektion ´Edelrocker´ ist sowieso nicht mit Gold aufzuwiegen, dürfte es doch das letzte Lebenszeichen jener alten DDR Heavy Metal Formation sein. Doch nicht zuviel erwartet: nicht jedes Lied auf dieser LP Sammlung ist gleich Metal. Mit Schlagern und Bluesrock ließe sich das Ganze teilweise besser beschreiben als mit dem Begriff ´Metal´. Das tut zwar nix zur Sache, da Formel I Geschichte schrieben sei dies aber dennoch erwähnt, um nicht irgendwelche hochgesteckten Erwartungen von Bundesbürgern zu enttäuschen. Die meisten Texte sind in deutsch (wen wundert das eigentlich?) und mit einem teilweise sehr sympathischen brandenburgischen/berlinerischen Dialekt. Inhalte sind Liebe, Alltag, Gesellschaft und ´weltpolitische´ Themen im engen und weitesten Sinne. Die Aufnahmequalität ist von Platte zu Platte des Sets unterschiedlich, geht aber zu jeder Zeit in Ordnung. Was ich sehr gut finde sind die im Booklet abgedruckten Interviews (welche sehr informativ sind), die Kommentare zu einzelnen Liedern und die Bandbiografie. Wie ich dieses LP Set im Gesamten bewerten soll/darf/kann, bereitet mir ehrlich gesagt derbe Kopfschmerzen. Fakt ist, dass mit der Zuschreibung ´einzige Heavy Metal Band mit eigener LP auf Amiga´ zu brechen ist. Da gab es noch Babylon mit ´Dynamit´. Auch wenn genannte Band eher Hardrock spielt, nimmt sie sich doch ehrlich gesagt im Vergleich zu Formel I nicht viel. Ich finde, man muss hier sehr differenzieren. Zwar ist das Gesamtwerk der Band durchaus hervorzuheben, aber mit Heavy Metal wie man ihn aus dieser Zeit kennt, kann nicht automatisch jedes Lied beschrieben werden. Ja, natürlich gab es die Kommission, vor der man als Band in der DDR zu bestehen hatte, aber ohne das weiter ausführen zu wollen muss ich ehrlich sagen, dass ´Der Trinker´ von den Puhdys teilweise brutaler und heavymetalmäßiger als so mancher Formel I Song daherkommt. Das soll jetzt nicht böse klingen und ich möchte auch hervorheben, dass sich Formel I im Vergleich zu den Puhdys nicht an den Staat angepasst, sondern ´íhr´ Ding durchgezogen haben, was ich ihnen sehr hoch anrechne. Festzuhalten ist jedoch dennoch, dass gerade die deutschen Texte und so manche seichtere Komposition sehr befremdlich wirken, wenn man ansonsten nur ´richtigen´ Metal hört. Selbstverständlich beanspruche ich damit nicht die Deutungshoheit darüber, was Metal ist und was nicht, möchte jedoch davor warnen, von dem LP Set zu viel zu erwarten. Absolute Klassiker des LP Sets und richtig geniale Anspieltipps sind meinerseits folgende Lieder: ´Der Fußballfan´, ´Ode an die Freude´, ´Wär´ mein Leben programmierbar´, ´Hart wie Stahl´, ´Der Edelrocker´ und ´Eddie´. Und auch die Judas Priest, Iron Maiden bzw. Black Sabbath Coverversionen möchte ich positiv hervorheben. Wer sich also einen umfangreichen Überblick über diese wohl einzigartige DDR Metal Formation verschaffen möchte, ist hier genau richtig. Nach meinen letzten Informationen ist dieses auf 400 Einheiten limitierte Stück Geschichte wohl schon ausverkauft.* Die Hoffnung, dass man als Fan vielleicht noch irgendwo eins auftreiben kann besteht vielleicht dennoch. Mehr Informationen bei www.immortalvinyl.de

Fidel  

*11/08 es gibt noch Exemplare der 5 er Edition zu kaufen!

Steffen

Formel I

Live im Stahlwerk LP

Amiga (ehemalige DDR)

 

Eine Heavy Metal Live Platte aus der DDR? Was ist denn da passiert? Unvorstellbar, aber wahr. Ein Traum auf schwarzem Vinyl. Aufgenommen am 2. und 3. März 1986 im Kulturhaus der Stahl- und Walzwerke „Wilhelm Florin“, Hennigsdorf. Na, da passt doch mal der Auftrittsort 1 : 1 zum Programm. Die Aufnahmen sind wie gewohnt super und der Sound vor Ort offensichtlich auch, da das Publikum hörbar begeistert von dem Werkeln von Formel I ist. Und wenn ich sonst an dieser Stelle Anspieltipps nenne, fällt mir das diesmal wesentlich schwerer. Genial sind auf jeden Fall folgende Lieder: „Mach keine Wellen“, „Der Fußballfan“ und der Koffer „breaking the law“. Das war doch von den Puhdys oder??? Was ich dieser Platte definitiv zu gute halte, sind die - wenigstens im Ansatz vorhandenen - englischen Titel. Zum Glück wurde seitens Amiga nicht darauf bestanden, „breaking the law“ zu übersetzen. Eher nachdenklich geht es bei dem Lied „Wär mein Leben programmierbar“ zu. Selbiges dürfte wohl auch für die einen oder anderen Magenkrämpfe bei der Staatsführung gesorgt haben. (Sofern die ihren verkalkten Kopf angestrengt haben, diese Doppeldeutigkeit herauszuhören.) Na ja, in der DDR gab es ja zum Glück neben der polemisierten Formsprache noch genügend Mittel, seine Kritik zum Ausdruck zu bringen. Bis zu einem gewissen Grad wurde dies sicherlich auch toleriert. Festzuhalten gilt auf jedenfall Folgendes: Formel I machen echt guten Rock bzw. Heavy Metal. Ich werde wohl verstärkt nach solchen Ost Metal Bands suchen. Falls jemand Tipps hierfür hat: E - Mail an Kellergitter(at)gmx.de- Danke! Und wenn manchmal vielleicht der Anschein entsteht, die Ost Heavy Metaller würden ihre Westkollegen nur kopieren, so muss ich das knallhart zurückweisen. Formel I begeistert gerade aufgrund seiner Einzigartigkeit! Musikalisch würde man heutzutage vielleicht das Schaffen der Band in eine ganz andere Richtung stecken. Das macht aber letzten Endes nichts aus, da diese Band für einen bestimmten Abschnitt in der Ostrockgeschichte steht. Und das ziemlich eisern!                                                                                                                                  Fidel 

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An dieser Stelle vielen Dank an Hendrik von ostmetal.de für das folgende Material !!!

"Schwermetall im Bärenschaufenster"

Zeitschrift "Melodie & Rhythmus" (1982)

Es war in einer jener flach gebauten, sich aber vielleicht gerade darum durch eine Mischung aus Freundlichkeit und Bescheidenheit auszeichnenden Klubgaststätten, die mittlerweile wohl in typischer Art die Infrastruktur unserer Neubaugebiete, und das wohl auch nicht nur in der Hauptstadt, festigen halfen - im "Bärenschaufenster" unweit des Berliner Tierparks. An einem jener deprimierend verregneten Herbstwochentage war dort eine Band zu Gast und zum Tanz angesagt, deren furioser Name eigentlich schon weit vor dem ersten akustischen Eindruck Motorengeheul ausstrahlt: FORMEL 1. Und um's gleich zu sagen - die Band hielt das Gebrauchswertversprechen, das ihr Name verkündete, wenngleich sie aufgrund der bescheidenen Abmessungen der Gaststätte die halbe PA im LKW lassen mußte, mithin also auch nur mit halber Kraft "powern" konnte, was sich gewöhnlich gerade für Schwermetall-Rock nachteilig auswirkt. Das aber ist nur eine der objektiven Schwierigkeiten, mit denen sich Rockbands im anstrengenden Veranstaltungsalltag, sprich den 5-Stunden-Abenden auf die konkreten Bedingungen am jeweiligen Ort und inmitten der starken Disko-Konkurrenz behaupten müssen. Offenbar war das Publikum an jenem Donnerstagabend auch so sehr alltagsgestreßt, daß die Gruppe nicht nur musikalisch, sondern Bandleader Norbert Schmidt auch verbal zum Tanz auffordern mußte. Dann allerdings füllte sich die Tanzfläche wie auf ein Kommando. Kaum zu übersehen, daß wieder mal die Schwellenangst (keiner will der erste sein) die unbescheidene Rolle spielte; wie gehabt. Die Band spielte also Schwermetallrock, eine Musik, die bekanntlich beträchtliche Stimmung in den Tanzsälen erzengen kann. Als Vorbilder gelten Richie Blackmore's RAINBOW, PIRAMIS aus der Ungarischen VR und JUDAS PRIEST; sie spielten Titel dieser Gruppen, aber auch solche von SAXON, POLICE, BLACK SABBATH oder den KINKS aus deren früher Phase. Bemerkenswert war hier die ungewöhnliche Klarheit, Sauberkeit und Präzision, mit der solches von der Bühne kam. Wer nun aber meint, die Gruppe sei ausschließlich plagiativ veranlagt, der irrt. FORMEL 1 verfügt über ein zwar durchaus zu erweiterndes, nichtsdestoweniger aber schlagkräftiges wie originelles Repertoire an Eigenkompositionen. Ich denke hierbei nur an Songs wie "Mensch Rosie", "Das Tramperlied" oder "Willste nich uffstehn". FORMEL 1 ist die erste landeseigene Rockband, die ich im original Berliner Dialekt zum Tanz vernehmen konnte. Die Titel entsprachen voll dem Wollen der Gruppe - sie waren lebensnah, direkt, jeder verstand sie - eine Feststellung, die indes und offenbar nicht durchgehend für das rein akustische Verständnis zutraf. Das aber ist wohl ein grundsätzliches Problem für alle Gruppen mit vehementer Rockstilistik. Die Authentizität der Songs war jedenfalls erstaunlich. Ein Beispiel, zu dem man sich eben noch die Musik hinzudenken müßte:

(1) Drei Jahre jehn' wa, is 'ne janz schön lange Zeit / Und nich eenmal jab et Streit / Du hast da nich, nich eenmal bei mir beschwert / Ja und Amen hab ick nur jehört

(Refr.) Mensch Rosie, schlag' mal Krach / Mensch Rosie, jieb nich gleich nach /                                                                                                       Mensch Rosie, weis' mich mal zurecht / Mensch Rosie, find ma doch mal schlecht

(2) Früher hab' ick ma imma abjehetzt / bin nach de Arbeet jleich zu dir jewetzt / Merkste nich, heut' drangt ma nischt mehr zu dir / Ick jeh erst und trink mein Bier

(3) Ick hab da ooch mal mit 'ner andern Braut betrogen / Nich 'ne Miene haste verzogen / Oft hab' ick da ooch zu Unrecht anjeschrien / Und du hast ma uff de Stelle vaziehn

(4) Früher hab' ick heiße Liebe für dir jefühlt / Wie hat sich die doch abgekühlt / Tu eenmal nich allet nur für mir / Daß ick noch spür', Ick brauche dir

Die Texte zu solchen Eigenkompositionen schreibt Katharina Koch, die übrigens auch für die Primaner tätig ist. Bedenkt man, daß die Band erst seit Anfang 1981 existiert (ihre Mitglieder kommen von REGENBOGEN, TROJA, JOCO DEV, ELEFANT und COLLEGIUM MUSICUM), staunt man über solch schnelle Fügung. Der Tanzabend war jedenfalls ein Erfolg, sowohl für das Publikum als auch für die Band, die sich aus Norbert Schmidt (voc, 1d), Wolfgang Densky (g), Peter Finke (dr), Detlef Dutziak (b, voc) und Andre Horvath (g, voc)   zusammensetzt.                                                                                                 Walter Kutzner

"Musik mit heißen Motoren"

Zeitschrift "Melodie & Rhythmus" (1986)

Betrachtet man das Niveau, das sich die Berliner Rockband Formel 1 heute deutlich sicht- und hörbar erspielt hat, wird die Dynamik ihrer Entwicklung offenbar, die sie seit ihrer Gründung nahm: Fünf Jahre ist die Heavy-Formation erst alt, seit November 1983 auch erst im Profi-Status. Äußere Kennzeichen solcher Profilierung dürften allein die 16 Rundfunkproduktionen der Band sein, die mindestens eine Langspielplatte füllen könnten, auch wenn in solchem Falle frühere Stücke sicherlich der Überarbeitung bedürften.

"Weg nach oben", ein Song mit zweifelsfrei autobiographischen Zügen, "Kranich", "Mach keine Wellen" und "Eddie" sind jüngere Produktionen aus dieser Kollektion, die in letzter Zeit auf vorderen Plätzen der Rundfunkhitparaden zu finden waren, zu finden sind.

Einem Fördervertrag mit der Generaldirektion beim Komitee für Unterhaltungskunst folgten der Profistatus, eine dreimalige Teilnahme an "Rock für den Frieden" und eine Single bei AMIGA ("Mach keine Wellen" / "18 Jahre sein") sowie die Mitwirkung an einer Sampler lassen auf Weiteres hoffen! Hinzu kommen Auftritte von Formel 1 in "Profil", "rund", "STOP! Rock" und anderen einschlägigen Sendungen des Fernsehens, wenn auch die kritischen Anmerkungen zum "Schwertun" des Mediums kaum die Band selbst, sondern hier vielmehr die ungestümen Besonderheiten des HM-Genres treffen, denn: das ist eben auch international so.

Aber schon die extensiven räumlich-technischen Anforderungen eines gleichsam international herausgebildeten Konsens der großen, theatralischen Staffage für HM-Bands setzt feste, große Anforderungen wie Grenzen. Gerade hier aber hat Formel 1 sich nicht nur viel vorgenommen, sondern Beträchtliches schon erreicht: eine phantastische Bühnendekoration in Gestalt einer Tropfsteinhöhle, wie sie wohl nicht nur für unser Land einzig sein dürfte. Sie erregt jedenfalls in jüngster Zeit Aufmerksamkeit und Anerkennung nicht nur beim Publikum, sondern auch in Musikerkreisen. Jeder aber wird sich gleichzeitig auch vorstellen können, was solcherart Erweiterungen, von Konzeptionierung, Bau, Bemalung und stabiler Flexibilisierung angefangen bis hin zur damit notwendig gewordenen Steigerung der Transportfähigkeit des Band-Fuhrparks, bedeuten mögen... Allenfalls haben die Musiker von Formel 1 auf diesem wie auf anderen Gebieten noch so manches vor, wie überhaupt auffällt, daß die Band heute über ein erstaunlich präzise und klar definiertes Berufs- und Stilethos verfügt. So bin ich selbst auch am zufriedensten mit der Band, wenn ich solche Titel höre, die die Genrespezifik quasi am reinsten ausformen, ausleben und andere, unselige Überlagerungen etwa durch ungeeignete Texte oder an sich stilfremde, melodisch-rhythmische Songstrukturierungen ausscheidet Besonders also der "Fußballfan" und "Weg nach oben", das nonverbale "Speedway" wie auch der sowieso nicht mehr so glänzende "Edelrocker" haben es mir angetan, wenn gleich auch auf anderen Songs sehr interessante, weil autonome Einzel-Phrasierungen und Riffs auftauchen, die zumeist von den beiden Leadgitarristen und/oder Baßgitarre getragen werden. Daß auf diese Weise eine allgemeine, nichtsdestoweniger prächtige Fülligkeit des Formel 1-Sounds durch die beiden Leadgitarren plus Baß quasi als längst erreicht gelten kann, ändert dennoch nichts an den durchaus noch verbleibenden Potenzen und Möglichkeiten, die eine solche HM-Gruppierung (ld-g, ld-g, b) grundsätzlich im Sinne eines extrem dialektischen, kontradiktorischen resp. kontrapunktischen Spiels in sich trägt: Ich meine hier das auch in Baß und Diskant spannungs- und energieberstende Gegenspiel in den Spitzen, wie es so herausragend etwa von AC/DC entwickelt und stimmig durchgeformt wurde. Die AMIGA-Single jedenfalls zeigt den Stand ähnlich wie etwa der Song "Speedway", der ja als Instrumentalstück die besten Voraussetzungen für die "meternde" Ausformung dieser Instrumentalsektion liefert.

Gerade in der qualitativen Differenz hinsichtlich stilistisch klarer Songstrukturierung, mit der sich "18 Jahre sein" von "Mach keine Wellen" abhebt (trotz des brillanten- Gesangssounds), zeigt sich sowohl das entwickelte Leistungsvermögen als auch ein verbleibendes Aufgabenfeld für die Band. Nächstes Projekt: Live-Konzert-Mitschnitt am 2. und 3. März im Stahlwerk Hennigsdorf für eine AMIGA-LP. Es ist hart und schwer zu vermuten, daß künftig der Formel 1-Rennstall mit dem heutigen Team um Norbert Schmidt (voc, ld), Peter Fincke (dr), Detlev Dudziak (bg,voc}, Wolfgang Densky (ld-g) und Reinhold Heß (ld-g) die schweren Motoren noch heißer laufen lassen wird.                    Walter Kutzner

 

Rezension der LP "Live im Stahlwerk"

Zeitschrift "Breakout" aus der BRD (1987)

Formel I "Live im Stahlwerk" (Amiga): Stell Dir vor, Du stehst morgens um 7 Uhr im Stahlwerk an der Walzstraße und die Maschinen starten mit ihrem stampfenden Getöse. Doch dann schlägt plötzlich die ganze Lautstärke in Heavy Metal um und ab geht die Post. Ich glaube, Du würdest ausflippen. Formel I hat ihre LP wirklich im Stahl- und Walzwerk live eingespielt, allerdings im Kulturhaus vor etlichen Headbangern. Und jetzt das Besondere an Formel I: Die Band kommt aus der DDR und ist dort auch beheimatet. Umso erstaunlicher ist es, daß sich die Band dem HM verschrieben hat, obwohl man es damit im anderen Teil Deutschlands doch sehr schwer hat, wie mir Sänger Norbert Schmidt erklärte. Formel I legen auf ihrer LP volle Kanne los. Du würdest keinen Unterschied zu westlichen Bands erkennen, würde, ja würde die Gruppe nicht in Deutsch singen. Daß aber HM auch in Deutsch originell sein kann, beweist Formel I voll und ganz. Die Musik ist stark an Iron Maiden und Judas Priest orientiert, die ja auch im Osten zu den 'Großen' gehören. Zwei Stücke, nämlich "Hallowed By They Name" (Iron Maiden) und "Breaking The Law" (Judas Priest) befinden sich denn auch auf der LP, da man auf diese Klassiker nicht verzichten wollte. Diese stehen neben eigenen Songs, wie "Der Edelrocker", "Der Wog noch oben" oder "Der Fußballfan". Aber auch die Stimmung der Fans ist ausgezeichnet, dies bekommt man besonders bei "Heavy Metal" zu hören.

Eins kann ich Euch aber versprechen, die Musiker vorstehen ihr Handwerk erstklassig und würden die Mehrzahl der westdeutschen Bands in Grund und Boden spielen. Als Fazit kann ich nur sagen, daß sich auch HM a la DDR sehen und hören lassen kann. Da die LP bei uns ja nicht zu haben ist, wird es wohl schwer sein, sich die Platte zu besorgen. Aber vielleicht habt ihr ja Freunde in der DDR.

Break Out Das Heavy Magazine, Mannheim/BRD, Heft 4/87

Meinungen zur ersten LP der Band "Live im Stahlwerk":                                                          "Der Sound in der Abmischung ihrer Musik fällt im vergleich mit internationalen Gruppen und ihren Live-Platten keineswegs ab. Kompakt und durchsichtig zugleich: Baß, Schlagzeug und Gitarren, so wie es für die Kompositionen und einzelnen Chorusse erforderlich ist." (Wolfgang Martin, nl 9/86)
"FORMEL I legen auf ihrer LP volle Kanne los... Daß HM auch in Deutsch originell sein kann, beweißt FORMEL I voll und ganz... Die Musiker verstehen ihr Handwerk erstklassig und würden die Mehrzahl der westdeutschen Bands in Grund und Boden spielen. Als Fazit kann ich nur sagen, daß sich HM a la DDR sehen und hören lassen kann."

Formel I Live im Stahlwerk Amiga/DDR-Import

Götz Kühnemund, Zeitschrift Metal Hammer 1986

Formel I, die führende HM-Band der DDR (richtig gelesen – auch im anderen Teil Deutschlands floriert die Szene!), veröffentlichen mit „Live Im Stahlwerk“ ihre meines Wissens nach erste LP (vorher erschien bereits eine Single). Wie der Titel schon sagt, handelt es sich hier natürlich um ein Livealbum – und zwar ein ausgesprochen gutes. Die Atmosphäre unter den Fans könnte kaum besser sein; man hört der Platte vom ersten bis zum letzten Ton an, wie ausgehungert die Headbanger jenseits dieses gewissen Berliner Bauwerks sind. Die Band selbst kann den Standard westlicher Heavy Rock-Acts mühelos halten und verdient auch bei uns Gehör. Musikalische Haupteinflüsse sind unverkennbar Iron Maiden und Judas Priest; und siehe da: „Live Im Stahlwerk“ enthält mit „Hallowed Be Thy Name“ und „Breaking The Law“ zwei gelungene Coverversionen eben dieser Bands. Etwas stärker finde ich allerdings die deutschsprachigen Eigenkompositionen des Quintetts, deren Texte Überraschend offen und ehrlich klingen.    Eine dicke Fünf für Formel I ! Kontakt: Norbert Schmidt, Hufelandstr. 4, 1055 Berlin, DDR


Aus der Höhle in die Burg

Zeitschrift "Melodie und Rhythmus" (1987)

 20. Mai 1987, 18.00 Uhr

Vor dem Jugendclub in der Berliner Langhansstraße drängte sich eine dichte Traube von erwartungsfreudigen Heavy-Freaks in Leder, Nieten und Jeans. Die Karten sind seit Wochen ausverkauft: Das neue Formel 1 Programm ! Wilde phantastische Gerüchte tauchen auf, werden ausgetauscht. Aber noch ist alles "top secret". Der kleine Saal ist vollgestellt mit Technik, ein dichter, roter Vorhang versperrt  die Sicht auf die Bühne. Allein die neue Lichtanlage läßt auf einiges hoffen. Am Mixer pulsiert der Bildschirm eines angeschlossenen Personalcomputers. Das bereits seit zwei Stunden vorhandene "Szenepublikum" schwatzt mit den nun doch schon  ziemlich nervösen Musikern.

Gegen 20.00 Uhr hat sich der Saal gefüllt, die Fans nehmen vor der Bühne zum Headbangen Aufstellung. Und die Show beginnt. Unter den Klängen des neuen Band-Intro  öffnet sich der Bühnenvorhang. Noch ist alles stockdunkel. Die Spannung steigt. Aus dem Bühnennebel schält sich der düstere, in kaltes Licht getauchte Innenhof einer alten, aus Feldsteinen gebauten Burg, darüber dunkle, schwere Gewitterwolken - aufgetragen auf drei große Leinwandflächen. In der Mitte des Hofes ein Podest  mit zwei unterschiedlichen Spielebenen für Drumkit und Show, zu erreichen über , mehrerer Treppen. Es zeigt weitere Szenen des Burginnenhofes. Die Überraschung ist gelungen, die Fangemeinde begrüßt stürmisch das neue Bühnenbild, und mitten in den Jubel bricht die neue Show. Aber nicht nurv das Outfit der Band ist neu, neu sind auch die Songs, das Material ist schneller und härter geworden. Präzis arbeitet die Rhythmusgruppe - die ideale Vorbereitung für die ersten Songs, passend zum Bild benannt "Kreuzritter" und  "Hart wie Stahl". Auch Frontmann Norbert Schmidt tut sein Bestes. Für viele  der nachrückenden jungen Musiker verkörpert gerade er die gebündelten Erfahrungen  der "livehaftigen" Hardrocktradition in diesem Land, die natürlich auch in das neue Songmaterial einging, wie "Fehlstart", "Vorurteil", oder "Das letzte Rad am Wagen". Es wird vom Publikum sofort euphorisch angenommen.  Neu ist auch das internationale Material im Reportoire, selbstverständlich wieder vom großen Vorbild "IRON MAIDEN", und zwar vom jüngsten Album "Somewhere in Time".

Aber nicht nur das neue Songmaterial, auch die Bühne läßt viel Spielraum für die visuelle Arbeit der Musiker, ein wesentlicher Aspekt der neuen Show. Vor allem den beiden Axeman bieten die extra für sie erdachten beiden neuen Spielebenen, die sie während der Chorusse über die Treppen hurtig erklimmen können, vielfältige Möglichkeiten. Dazwischen agiert souverän der Meister, der alle Fäden zusammenhält. Beeindruckend auch die neue Lichtanlage, sozusagen als Herzstück des Ganzen. Die meist in Rot und Blau  gehaltenen Farbwerte  unterstützen sehr effektvoll die Show. Lauflicht und Grundeffekte werden bei FORMEL 1 erstmalig über einen Computer gesteuert, so daß der Mann am Lichtmixer die Möglichkeit hat, zusätzliche Effekte darüber zu geben. Ein Höhepunkt ist sicherlich die soundgewaltige Einlage von Gitarrist "Wolle" Densky, angestachelt vom Trommler der Band, Peter "Paule" Fincke (im Rob Halford Look) seinen Gitarristen zeigt, was eine Metalharke ist, übrigens sehr wirkungsvoll inszeniert. Und die Fans sind bei allem "gut drauf" , singen solche Klassiker wie "Mach keine Wellen" , "Wär mein Leben programmierbar" und natürlich "Heavy Metal" mit, auf die man selbstverständlich nicht verzichten wollte. Nach gut 90 Minuten Metal Gewitter  geht diese neue Show erst einmal zu Ende. Die Stimmung ist phantastisch. Die obligatorischen Zugaben "Breaking the Low" und "Eddy" wurden von den Metal Freaks nachdrücklich gefordert und selbstverständlich auchh gegeben. Zum Schluß dann sehr viel Beifall und viele, viele zufriedene Gesichter. . .

Aber was da für das Publikum so locker und leicht über die Bühne ging und sicherlich in der Spielpraxis des Landes eine gewisse Einmaligkeit besitzt, war alles andere als einfach und leicht vorzubereiten. Neun Monate mußten vergehen, ehe die Band alles auf der Bühne hatte. Es war sozusagen eine schwere Geburt. In den neun Monaten wurde allein nur an Material verarbeitet: 300 m Rohr- und Vierkantstahl, 700 m Kabel, 65 m Stahlseil, 97 qm bemalte Leinwand, 30 qm Vorhangstoff sowie 16 Treppenstufen. Die Anzahl der Scheinwerfer mußte von 36 auf 90 erweitert werden. Und wer sich nicht vorstellen kann, welche Mühen, Probleme und Nervereien Formel 1 in der Vorbereitungsphase hatte, der sollte unbedingt den folgenden Bericht, den der Trommler und Spiritus rector der ganzen Unternehmung "Die Burg", Peter Fincke, tagebuchartig zusammengetragen hat, lesen.

AUGUST 1986: Die Show "Der Weg nach oben" läuft jetzt zwei Jahre, das Programm spielt man fast schon im Schlaf, es fehlt eine neue Motivation. Wir sind nicht müde, sondern geradezu "gierig" auf etwas Neues. Was hat unsere "Höhle" (das alte Bühnenbild) gebracht? Ein neues Outfit, viele Diskussionen, Lob und Tadel, Heuchelei und Bewunderung seitens der Musikerkollegen. Für die Band ein Schritt nach oben!? Viele starke Gig's, neue Titel, endlich den ersten Longplayer, viele neue Freunde, viel Arbeit für unsere Roadcrew. Auf jeden Fall ging es vorwärts.
SEPTEMBER 1986: Wir sitzen nach dem TV-Mugge ("rund" war es, wie immer!) in einem unserer gastlichen Wirtshäuser und feiern meinen 100. Geburtstag, reden über neue Ideen. Ich habe mir etwas ausgedacht, lasse von einem Konstrukteur schon neue Lichttraversen entwerfen... Für die Anderen werden die üblichen Aufgaben verteilt, Wolle und Detlef bereiten die Proben vor, die Techniker Frank Steger, Uwe Günsch, Karsten Hotzler und Armin Domachowski schlagen sich wie immer mit den Licht- und Tonproblemen 'rum, und unser Meister Norbert organisiert alles, schreibt fleißig an Texten für ein neues Programm.
NOVEMBER 1986: Die Idee ist endlich geboren! Alle sind begeistert, Formel 1 versetzt sich optisch ins Mittelalter - "der Weg nach oben" ist zeitlich also immer noch nicht beendet, laßt uns Burgen bauen. Thomas Wilke, unser Grafiker, wird informiert und soll Entwürfe anfertigen, über die wir dann gemeinsam entscheiden wollen. Seine Augen strahlen, er setzt sich sofort an den Zeichentisch. Thomas arbeitet schon seit einigen Jahren mit uns zusammen, fährt voll auf HM ab. Er hat unser Plattencover entworfen und anderes für uns gemacht. Wir haben ihn in Kuschkow ausgegraben.
DEZEMBER 1986: Der Konstrukteur der Traversen hat sich gemeldet, legt den ersten Entwurf vor. Einstimmige Meinung - abgelehnt, weil zu schwer, zu groß, nicht zu transportieren... Die ersten Proben für die neuen Songs laufen, Wolle hat sich tolle Riffs ausgedacht. Für unsere Proben konnten wir in Berlin-Wartenberg für ein halbes Jahr ein Haus mieten. Musikalisch geht es langsam vorwarts, und wir warten darauf, was uns das neue Jahr bringt.
JANUAR 1987: Etwas Erfreuliches ist passiert. Unsere LP lag bei vielen Leuten unter dem Weihnachtsbaum: DANKE. Jetzt wird wenig getourt und acht Wochen lang fast jeden Tag geprobt. Wir hören viel Musik, wollen in unseren Stil neue Einflüsse einbringen. Die ersten Entwürfe für das neue Bühnenbild sind ebenfalls angekommen. Wir diskutieren und entscheiden uns. Problem: die enormen Materialmengen! Aber auch der Umgang mit den Handwerkern wirft wie immer Probleme auf. Vorerst bleiben wir frohen Mutes.
FEBRUAR 1987: Fast jeden Tag verbringen wir im Probenhaus. Ab und zu ein Gig, der uns dann immer aus dem Tritt bringt. Norbert gehen langsam die Themen für die Texte aus, aber er gibt nicht auf.
MÄRZ 1987: In diesem Monat sollte alles stehen, aber daran ist überhaupt nicht zu denken. Es gab Schwierigkeiten mit dem Material, den Handwerkern und den Finanzen. Am 12. in Lübben spielen wir zum ersten mal Titel aus dem neuen Programm. Die Fans hören aufmerksam zu, geben wertvolle Hinweise, und wir wissen, was noch geändert werden muß. Detlef und Wolle setzen sich sofort zusammen, und die Proben gehen noch intensiver weiter.
APRIL 1987: Am 7. war der eigentliche Premierentermin, doch wir konnten ihn nicht halten. Das Bühnenbild ist fertig, wir sind sehr zufrieden. Bald müssen die Lichttraversen stehen, und wir können am Monatsende in Hennickendorf alles hochziehen, die Innenaufbauten (Treppen und Laufstege) zusammenbauen. Da ereilt uns ein schwerer Schlag. Ein Konstruktionsfehler haut alles um, ein Drittel der Scheinwerfer ist total hin, und wir liegen alle im wahrsten Sinne des Wortes am Boden.
MAI 1987: Ein Ruck ging durch die Band! Alles hat "geackert" und die Zähne zusammengebissen. Die Roadies haben fast rund um die Uhr gearbeitet, Fehler beseitigt, Aufbauten überarbeitet und die Lichtanlage neu konzipiert. Wir Musiker sind nun endlich mit dem Programm fertig und beschließen, daß die neue Show in der LanghansstreBe zum ersten Mal über die Bühne gehen soll, nach dem wir dort drei Tage lang alles bis aufs letzte durchchecken. Und endlich - alles steht alles spielt, alles o.k.! Die Premiere der Show kann starten! Aber ein weiteres Problem stellt sich nun für die Band. Sollte die bisher investierte Arbeit nicht umsonst gewesen sein, müßten einige Veranstalter mehr gefunden werden, die es der Gruppe ermöglichen und sie darin unterstützen, das neue Bühnenbild und damit die gesamte neue Konzeption auf einer Bühne voll zur Wirkung zu bringen. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, daß Aufwand und Nutzen so in keinem Verhältnis stehen. Viele Jugendklubs sind einfach viel zu klein, um dort die Bühne aufzubauen. Andererseits schreckt doch so mancher Leiter eines großen Kulturhauses davor zurück, einer Metalband diese günstige Spielstätte zur Verfügung zu stellen. Liegen hier wirklich entsprechend schlechte Erfahrungen vor, oder ist die Ablehnung eigentlich mehr ein allgemeines Vorurteil auf der Basis von Gerüchten? Eine auswegreiche Variante bieten da sicherlich in den Sommermonaten, vom Wetter einmal abgesehen, die Open-Air-Konzerte auf diversen Freilichtbühnen. An und für sich eine ideale Sache, nur lassen viele Veranstalter aus Sicherheits- undd anderen Gründen diese Konzerte bereits um 16.00 Uhr beginnen, so daß um dieese Zeit eine wirkungsvolle Lichtshow schlechterdings unmöglich ist. Eine Situation, die dem guten Vorsatz der Gruppe, ihrem Publikum nicht nur musikalisch etwas zu bieten, sondern ein auch optisch durchdachtes Gesamtkonzept anzubieten, einfach im Wege steht.                         E. Leo Gehl & Peter Fincke

Zeitschrift "Neues Leben" (Nov. 1987)

unveröffentlichtes Interview mit Norbert Schmidt


Die Leserreaktion auf zwei unterschiedliche Musikbeiträge in unserem Februarheft brachte es wieder einmal an den Tag: Während die einen für Modern Talking, C.C. Catch oder Bummi schwärmen, schwören die anderen auf Iron Maiden oder Scorpions die Heavy Metal-Fans. Und weil diese meinen, daß über "ihre Musik" ohnehin viel zu wenig geschrieben wird, verabredeten wir uns mit dem Frontmann von FORMEL I, der wie eine Musikzeitschrift unlängst schrieb "die gebündelte Erfahrung der 'livehaftigen' Hardrocktraditionen in diesem Land verkörpert".

 Keine "Edelrocker": Formel I


nl: FORMEL I ist nicht nur die erfolgreichste sondern auch dienstälteste Heavy Metal-Band in unserem Land. Norbert, wie ist das aus deiner Sicht mit dem Heavy Metal und dem dazugehörigen Outfit so?
Norbert Schmidt: Das Leder-Image führte schon 1974 der Judas Priest-Sänger Rob Halford ein. Damals gab es noch die großen Hardrock-Bands wie Deep Purple oder Led Zeppelin. 1978, als sich die großen Bands der siebziger Jahre auflösten oder von der Bildfläche verschwanden, rückte Heavy Metal und damit eben dieses leder-Outfit nach vorn. Aber diese Kleidung ist kein "Muß"; Iron Maiden zum Beispiel präsentieren sich optisch ganz anders und ist dennoch eine echte Heavy Metal-Band. Als Wolle Denksy und ich 1981 das konzept für FORMEL I entwarfen, wollten wir harte gitarrenbetonte Musik machen. Wir spielten Songs von Judas Priest und Saxon, später immer mehr eigene Sachen. Interesse für diese Art von Musik gab es schon damals, und die Nachfrage ist jetzt noch größer geworden. Trotzdem war's für uns anfangs nicht leicht. Wir hatten keine richtige Anlage, 'ne Menge Probleme, auch Vorurteile zu bekämpfen. Aber wir haben auch in den schwierigen Zeiten zusammengehalten und sind bei unserem Konzept geblieben (zum Beispiel verstärkt eigene Heavy Metal-Songs zu schreiben).
nl: Das braucht eine Band ja auch, um sich ein eigenes Profil zu erarbeiten. Doch dazu gehören auch Texte. Deutsche Sprache und Heavy Metal das ist für viele ein Problem...
Norbert Schmidt: Für uns war es am Anfang auch neu. Aber man muß versuchen, das Publikum nicht allein mit nachgespielten Sachen sondern vor allem mit eigenem Material auf seine Seite zu ziehen. Ein Schriftsteller kann ja auch nicht einfach ein anderes Buch abschreiben. Ich gebe zu: Wenn ich an den Texten sitze, muß ich mich manchmal schon ganz schön quälen, ich bin kein professioneller Texter. Gut nachvollziehbar für unsere Fans sind solche Titel wie "Edelrocker" oder "Heavy Metal". Aber wir wollen eigentlich ein größeres Publikum ansprechen, und so erweitern wir die Problematik, die wir behandeln, auf alle möglichen Alltagsbereiche. Wenn wir bei Konzerten mit den Fans sprechen, reden wir auch über deren Fragen, Probleme, Haltungen. So ein Gespräch ist dann nicht selten der Anstoß für einen neuen Song.
nl: Was hältst du von Heavy Metal-Arten wir "Speed" oder "Thrash"?
Norbert Schmidt: Manches, zum Beispiel was Metallica macht, kann ich akzeptieren; aber einige Bands hören sich an, als ließe jemand eine Waschmaschine laufen...
nl: Das andere Extrem, die "Poser", sind ja nun mit Bon Jovi, Cinderella oder Europe recht erfolgreich.
Norbert Schmidt: Das ist für mich gepflegter Hard Rock. Solche Bands gab es mit Bad Company schon in den siebziger Jahren. Unser Sound wird davon nicht beeinflußt.
nl: Eure von Wolfgang Martin im nl zitierte Bermerkung zu Iron Maiden die kochen auch nur mit Wasser wurde von einigen Lesern als Überheblichkeit verstanden.
Norbert Schmidt: Wir meinten: Als wir die Musiker nach dem hervorragenden Konzert in der VR Polen trafen, merkten wir, daß sie trotz Perfektionismus ganz normale Menschen sind. Dadurch stiegen sie noch in unserer Achtung. Unsere Bemerkung was also alles andere als abwertend gemeint. - Wir konnten die Band dann bei einem Fußballspiel gegen eine polnische Elf beobachten (übrigens gewann Iron Maiden 4:1m die Tore schoß Steve Harris).
nl: Zurück zu euch. Ihr habt ziemlich lange und intensiv an einer neuen Sache gearbeitet.
Norbert Schmidt: Ja, unser neues Programm "Die Burg" steht seit Mai diesen Jahres. Das waren neun Monate harter Arbeit ein völlig neues, aufwendiges Bühnenbild, eine neue Lichtkonzeption, ein verändertes Outfit der Musiker, neue Songs wie "Kreuzritter", "Hart wie Stahl", "Fehlstart"... Daß dieses Unternehmen kein 'Fehlstart', bewies die Reaktion der Fans bei der Premiere im Jugendklubhaus Langhansstraße in Berlin.
nl: Diesen Erfolg wünschen wir euch weiterhin. Du bist ja schon ziemlich lange in der Rockszene zuhause. Denkst du manchmal ans Aufhören?
Norbert Schmidt: Diese gitarrenbetonte Musik war schon immer mein Traum. Wenn ich auf der Bühne stehe und hinter mir peitschen die Gitarren los, das törnt mich unheimlich an. Ein Ende ist da noch nicht in Sicht.
nl: Wer zum Beispiel steht denn hinter dir (und das nicht nur räumlich gesehen)?
Norbert Schmidt: Wolfgang 'Wolle' Densky (Gitarre), Peter Fincke (Schlagzeug), Detlef Dudziak (Baßgitarre) und Michael Sündermann (Gitarre).


Heavy Metal mit Herz und Schnauze

Volksblatt Berlin  (West) - Donnerstag, 22.  Januar 1987

Er „trägt nur schwarzes Leder – mit Nieten reich bestückt... er liebt das Leben, ja nur auf seine Art, auf keinen Fall so stinknormal... Heavy Metal, Leder-Bräute – das ist seine Bank...“ Und das ist Lemmy, der Edelrocker, besungen von der Ost-Berliner Heavy-Metal-Band Formel I.

Auch in der DDR ist Heavy Metal kein unbeschriebenes Blatt. Das Bedürfnis der Fans nach harter Rockmusik ist in den letzten Jahren derart angestiegen, dass Hard-Rock und Heavy Metal aus der Musiklandschaft der DDR einfach nicht mehr wegzudenken sind. Dazu Norbert Schmidt, Sänger der Gruppe Formel I: “Es gibt jetzt viele HM-Bands in der DDR. Die Heavy-Metal-Szene hat im letzten Jahr unheimlich zugenommen. Ich meine, vielleicht ist das auch unserer Standfestigkeit zu verdanken, dass wir eben durchgehalten haben.“ Aufgrund dieser Standfestigkeit ist Formel I nicht nur die dienstälteste Heavy-Metal-Formation in der DDR, sondern auch die erste Gruppe, die Schermetall-Musik auf Vinyl bannen konnte. Nach einer 1985 veröffentlichten Single folgte Ende des vergangenen Jahres die Langrille. Sie heißt „Live im Stahlwerk“ und wurde im Kulturhaus der Stahl- und Walzwerker in Hennigsdorf aufgenommen. Warum die Formel-I-Fans etwa fünf Jahre auf das erste Plattenerzeugnis der Band warten mussten? Norbert Schmidt: „Ja, es gibt viele Leute, die Vorurteile haben gegenüber den Leuten, die zu unserer Musik kommen und die vielleicht auch unserer Musik kritisch gegenüberstehen. Die sagen zum Beispiel, das ja alles chaotisch, die Leute wollen ich da nur austoben... aber es gibt viele Leute, die voreingenommen waren du die wir mit unserer Art des Auftritts überzeugt haben.“ Auftritte in Jugendsendungen des DDR-Fernsehens zeigen, dass die Heavy-Metal-Bands bei Presse und Rundfunk zahlreiche Vorurteile abbauen konnten. Das im Fernsehen verbotene und in den Medien oft verpönte Leder- und Nieten-Outfit ist mittlerweile schon fas gesellschaftsfähig geworden. Norbert Schmidt: „Ich würde sagen, das ist ´ne Modeerscheinung. Da gibt´s ja auch viele Frauen, die sich mit Nieten behängen, und da sagt keiner was. Ich meine, mit dem Outfit gibt´s keine Probleme mehr.“ Und Probleme musikalischer Art sieht Norbert Schmidt ohnehin nicht, denn Formel I spielen die Musik, die sie lieben: Heavy Metal mit Herz und Schnauze. „Man merkt vielleicht ein bisschen an unserer Art von Musik, dass wir schon Hard-Rock gemacht haben. Wir orientieren uns natürlich auch an internationalen Trends. Aber an sich sind wir bestrebt, Formel-I-Musik zu spielen.“ Es ist schon lange kein Geheimnis mehr, dass in der pop- und Rock-Landschaft der DDR ausschließlich deutsche Texte das Sagen haben. „Das ist eigentlich das Problematischste am Heavy Metal, dass man den in deutscher Sprache rüberbringen... sollte. Aber ich bin der Meinung, das geht. Das kommt immer auf die Thematik der Texte an, und wenn die Texte dementsprechend angelegt sind, dann kann man auch Heavy Metal gut rüberbringen“, sagt Norbert Schmidt. Formel-I-Texte drehen sich um Alltagsprobleme, Fans und Musik. Darf dieser Text nun auch deutliche Kritik enthalten? „Na ja, es gibt gewisse Spielregeln, die eingehalten werden. Manchmal ist das schon ein bisschen ärgerlich, wenn man sich in den Kopf gesetzt hat, irgendetwas zu produzieren. Aber auf einer freundschaftlichen Ebene wird dann darüber diskutiert. Und gesunde Kritik kann man schon anbringen, da wird auch keiner was dagegen haben. Ich meine, Kompromisse muss man überall eingehen, und ich bin an sich ein sehr kompromissbereiter Mensch. Das fällt zwar nicht immer leicht, aber man sollte nicht mit dem Kopf durch die Wand rennen.“                                                                          Hubertus Ceder